Wenn Menschen mich nach meiner Herkunft fragen, sage ich meist zuerst Marokko. Die genauere Antwort beginnt mit einem Wort, das viele noch nie gehört haben: Imazighen. Meine Mutter stammt aus dem Mittleren Atlas, aus einer Gegend, in der die Sprache der Großmütter nicht Arabisch ist, sondern Tamazight. Ich bin u.a. in Deutschland aufgewachsen, aber diese Herkunft ist nie verschwunden, sie ist nur leiser geworden. Heute möchte ich ihr wieder etwas Raum geben.
Imazighen ist die Eigenbezeichnung eines Volkes, das schon lange vor jeder arabischen oder römischen Präsenz in Nordafrika lebte, und bedeutet sinngemäß freie oder edle Menschen. Es ist eine bewusste Gegenbezeichnung zu einem Wort, das von außen kam: Berber, abgeleitet vom griechischen bárbaros, mit dem die Antike schlicht alle bezeichnete, die nicht ihre Sprache sprachen. Kein neutraler Name also, sondern einer, der Fremdheit markiert. Wer heute respektvoll bleiben will, sagt Amazigh, im Plural Imazighen.
Das Siedlungsgebiet reicht von den Kanaren im Westen über den gesamten Maghreb bis nach Libyen und Ägypten, mit Ausläufern in die Sahelzone. Als die islamischen Eroberungszüge im siebten und achten Jahrhundert Nordafrika veränderten, zogen sich viele Imazighen in die Berge zurück, in den Atlas, den Rif, den Aurès, um Sprache und Lebensweise zu bewahren. Deshalb ist berberische Kultur bis heute besonders in den Bergregionen lebendig, während Küsten und Ebenen früh arabisiert wurden.
Tamazight ist dabei kein einzelnes Idiom, sondern ein Zweig verwandter Sprachen, zu denen etwa Taschelhit, Tarifit und Kabylisch gehören. Lange nur mündlich weitergegeben, wurde sie in Marokko erst mit der Verfassungsreform von 2011 offiziell neben Arabisch als Amtssprache anerkannt, geschrieben in Tifinagh, einem sehr alten Schriftsystem, das bei den Tuareg nie verschwand und heute neu belebt wird.
Ich erzähle das nicht, um Nordafrika zu erklären, sondern weil es meine eigene Herkunft verständlich macht. Wenn ich räuchere und Kräuter binde, stehe ich in einer Linie, die über meine Mutter bis zu einem Volk zurückreicht, das seine Bräuche gegen jede Fremdherrschaft verteidigt hat. Ich bin nicht die geeignetste Stimme für die ganze Geschichte der Imazighen, dafür ist sie zu groß. Aber ich kann erzählen, was ich von meiner Mutter mitbekommen und seither selbst verstanden habe und ich denke das genügt für den Anfang.
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